Kreis Anzeiger - „Wir zeigen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben“

Jubel und Beifall brandeten auf, nachdem am Samstagnachmittag über 1000 demokratisch gesinnte Wetterauer in Nieder-Florstadt auf 500 Quadratmetern das Wort „Respekt!“ formiert und damit das deutliche Zeichen gesetzt hatten, dass in der Wetterau kein Platz für Neonazis und Rechtsextreme ist. Mit dem menschlichen Schriftzug war eines der Ziele der Großveranstaltung „Vereint Zeichen setzen!“, die auf dem Messeplatz stattfand, erreicht. 

Der Platz wurde zum Mekka für Menschen, die Toleranz fördern, Vielfalt wünschen und ihr Gegenüber respektieren. Und für Menschen, die keinem Gruppenzwang im Gleichschritt folgen, sondern ihrem Verständnis von einer demokratischen Grundeinstellung Ausdruck verleihen. Und für Menschen, die sich gegen Fremdenhass und gegen die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihres Geschlechts aussprechen. „Wir sind heute hier, weil wir uns aufrütteln, sensibilisieren und interessieren lassen müssen“, war beispielsweise zu hören. Es ist zu hoffen, dass sich mit der Luftaufnahme des menschlichen „Respekt!“-Schriftzugs ein einprägsames Bild der Wetterauer Bevölkerung verbreitet.

Denn die Schlagzeilen über rechtsex-treme Umtriebe in der Wetterau reißen nicht ab. In Karben wurde gerade ein ähnliches Bürgerbündnis gegen Rechts gegründet, wie es in Echzell die „Grätsche gegen Rechtsaußen“ ist. Die hatte mit dem TC Florstadt, dem SV Echzell, der SG Stammheim, dem Sportkreis Wetterau, dem Musikzug der Freiwilligen Feuerwehr Blofeld und dem TV Gettenau das Organisationsteam für „Vereint Zeichen setzen!“ gebildet, dem Manfred Linss von der „Grätsche“ ebenso seinen großen Dank aussprach wie Florstadts Bürgermeister Herbert Unger, der Stadtverwaltung und dem Bauhof.

Unger, der gemeinsam mit dem Ersten Kreisbeigeordneten Helmut Betschel-Pflügel die Schirmherrschaft übernommen hatte, betonte: „Es ist schlimm genug, dass wir heute hier stehen müssen, weil es in der Wetterau rechtsextreme Umtriebe gibt. Aber es ist beruhigend zu sehen, wer sich alles im Kampf gegen Rechts unterhakt.“ Er und ganz Florstadt seien stolz, die Rahmenbedingungen für diese beispielhafte Veranstaltung geschaffen zu haben. Florstadt sei schließlich mit Echzell, Reichelsheim und Wölfersheim im Lokalen Aktionsplan (LAP) „BuntERleben“ für Vielfalt und Respekt aktiv.

Parteien, ausländische Vereinigungen und Bürgerinitiativen zogen an einem Strang, um gegen Rassismus und Intoleranz zu kämpfen. Das beeindruckte auch Lothar Rudolph, der 2010 in Frankfurt die Respekt-Inititative „Kein Platz für Rassismus“ ins Leben gerufen hat. „Ich komme ja viel in Deutschland herum, aber so etwas wie heute hier in Florstadt habe ich noch nicht erlebt“, lobte er. Für den verhinderten Landrat Joachim Arnold sprach Betschel-Pflügel von einer beispielhaften Aktionsgemeinschaft und dankte allen Bündnispartnern für ihre Unterstützung: „Wir stärken heute hier die Demokratie und zeigen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben.“

Respekt im wahrsten Sinne des Wortes gebührt aber auch den Organisatoren, die das Mega-Event „Vereint Zeichen setzen!“ auf die Beine gestellt und sich damit mehr als ein Ausrufezeichen verdient haben. Mit der Drehleiter der Freiwilligen Feuerwehr Friedberg fuhren ein Kamerateam und ein Fotograf in luftige Höhen, um den imposanten Anblick einzufangen, den der menschliche Schriftzug bot.

Insgesamt waren es rund 60 Wetterauer Vereine, die sich eingebracht, die Besucher informiert, verpflegt und unterhalten haben. Prominente Unterstützung gab es durch den Schauspieler und Bambi-Gewinner David Rott sowie Peter Ohlendorf, der in einem speziellen Zelt eine 21-Minuten-Fassung seines Undercover-Films „Blut muss fließen“ zeigte, der in der rechten Szene entstanden ist.

Beiden war es wichtig, dass Defizite in der Gesellschaft aufgezeigt werden und dass das demokratische Grundverständnis gestärkt wird. Man dürfe sich nicht verstecken und müsse den Mut haben, Aufmerksamkeit für Respekt zu schaffen. Auch am Abend ließ man es noch mal richtig krachen, als die „Azzis mit Herz“ und die „Coconut Butts“ den Besuchern im Festzelt richtig einheizten.

© Kreis Anzeiger 17.06.2013

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